Das ist alles großartig!

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Welchen Stellenwert haben Utopien für uns? kunstSTOFF hat Waldzell-Gründerin Gundula Schatz, Künstlerin Renate Pittroff, Architekten Josef Wiesingerund Historiker Peter Huemer im Beisein von Kulturvernetzer Josef Schick zum Gespräch gebeten. Moderiert hat Philosoph Leo Hemetsberger


HemetsbergerWas bedeutet für Sie „Utopie"?

SchatzUtopien haben viel mit Träumen zu tun. Das Wesentliche für Utopien in der Wirtschaft ist, dass wir sie auch leben und nicht nur darüber philosophieren. Interdisziplinäre Ansätze sind gerade jetzt besonders wichtig, denn: Wenn Utopien von einem Einzelmenschen kommen, sind sie vom Ego gefärbt und werden daher nie die Bedürfnisse aller berücksichtigen. Wir sollten alle zusammen eine gemeinsame Utopie kreieren und umsetzen.

Hemetsberger: Wie ist das in der Kunst, wo ja Vieles von Einzelpersönlichkeiten ausgeht?

Pittroff: Bei der Kunst stellt sich die Frage: Kann sich die Utopie mit der Avantgarde in Beziehung setzen? Die Avantgarde ist wie ein Ruderer, der nicht in die Richtung schaut, in die er rudert, sondern dorthin, wovon er wegrudert. Die Avantgarde definiert sich immer aus dem, gegen das sie sich absetzen will. Ob ein Kunstwerk utopisch ist, bezweifle ich daher sehr.

Hemetsberger: In der Architektur des 20. Jahrhunderts sind Ideen zur Gestaltung der Menschenwelt wichtig. Ein sehr utopischer Zugang?

Hiesinger: Utopie ist eine ständige - erfolglose - Suche nach dem Glück. Man steht etwa am Zuckerhut in Rio, schaut sich die üppige grüne Landschaft an und sieht, was die Menschen gemacht haben: Favelas, die sich den ganzen Berg hinaufziehen und alles überwuchern, sodass die Utopie, Rio zu besiedeln, wie eine braune Sauce den Berg hinunter rinnt und Symbol eines totalen Scheiterns ist.

 Hemetsberger: Zur Frage nach dem Glück: Die Gefährten aus dem trojanischen Krieg kommen ins Land der Lotophagen, quasi ins Paradies. Aber dann sagt Odysseus: „Wir müssen hier wieder weg; das ist nicht unser Platz!" - ein enormes Spannungsfeld.

Huemer: Dieses Spannungsfeld zieht sich durch die Geschichte und erreicht seine Benennung mit Thomas Morus im 16. Jahrhundert, wobei die Utopie in der Literatur immer auch eine satirisch-böse Zeichnung jeweils gegenwärtiger Zustände ist, die einem Idealzustand gegenüber gestellt wird. Das 20. Jahrhundert hat sich ganz besonders durch Utopien hervorgetan, vom Judenstaat 1896 über die Utopien in der Kunst wie Futurismus oder andere Avantgardevisionen, vom Nationalsozialismus und Kommunismus bis hin zur Ökologie-Bewegung. Heute sehe ich eine einzige konkrete Utopie: Die Idee vom gläsernen Menschen:  möglichst totale Sicherheit durch möglichst totale Überwachung. Eine grauenhafte Utopie.

Hemetsberger: Die Ressourcenknappheit hat uns die Grenzen unserer Möglichkeiten gezeigt. Gibt es in der Wirtschaft Utopien, die schon passieren?

Schatz: Utopische Ideen können auch wirtschaftlich nachhaltig funktionieren. Ich kenne einen jungen Mann in Indien, der hat eine Initiative gegründet, die Kindern hilft, ihre Träume zu realisieren. Der utopische Ansatz: Wenn wir als Menschen handeln und unserer inneren Stimme folgen, dann handeln wir nicht aus individuellem Egoismus sondern im Sinne des Ganzen.

Huemer:  Bei den großen Utopien ist Gewalttätigkeit vorherrschend. In extremster Form im Nationalsozialismus und beim Stalinismus, aber auch der Zionismus hat gewalttätige Züge, ebenso die 68er-Utopie. Das muss nicht zu ihrem Scheitern führen, zeigt aber ihren menschenfeindlichen Aspekt.

Pittroff: Auch eine Demokratie kommt nicht ohne Gewalt aus.

Huemer: Aber wir wollen kontrollierte Gewalt. Ohne sie wäre die Gesellschaft anarchisch - also herrschaftsfrei - und hätte keinerlei Ordnung. Heute ist die kontrollierte Gewalt per Definition das Anti-Utopische.

Hemetsberger: Die Entwicklung der Baumaterialien im letzten Jahrhundert und neue Gestaltungsmöglichkeiten - das  hat etwas Utopisches und bringt eine Sehnsucht der Menschen zum Ausdruck.

Wiesinger: Die Realisierung ist immer das Ziel von Utopien. Ich glaube aber, das ist falsch. Speziell in der Architektur, weil man die Utopie dann auf banale Dinge herunter brechen muss. Die Utopie ist im Geist, auf der Suche nach der Idee zu finden und nicht in der Realisierung.

Huemer: Die Architektur ist voll integriert in die Utopie vom Überwachungsstaat. Heutige Bürobauten bestehen hauptsächlich aus Glas. Jeder sitzt in der Auslage, ausgehend von diesem Idiotensatz: „Ich habe nichts zu verbergen." Diese Transparenz heißt Überwachung - und das geht auf Kosten des Freiheitsdenkens.

Hemetsberger: Die Freiheit ist immer in Gefahr. Wo ist der Weg aus diesem Dilemma?

Huemer: In der staatsbürgerlichen Gegenwehr. Die Frage ist, was das Internet dabei zu leisten vermag. Eine Utopie der Freiheit bedeutet die Möglichkeit, dem drohenden Überwachungsstaat zu entkommen. Ich setze auf den technologischen Fortschritt, der die Überwachung möglich macht, der aber auch dieses anarchische Element forciert.

Hemetsberger: Waldzell hat als Mythos Hesses „Glasperlenspiel". Wie geht der Weg weiter?

Schatz: Ich meine, dass Utopien, wenn sie uns weiterhelfen sollen, Geist und Materie verbinden müssen. Utopien in der Wirtschaft betreffen die materielle Welt und da haben wir, wie meine Vorredner zeigten, die Erfahrung gemacht, dass sie sich in der Realität nur allzu oft gegen uns gewendet haben. Bei Waldzell wollen wir Freiräume für einen zweckfreien interdisziplinären Dialog schaffen, um so Ideen zu kreieren, die zum Gesamtwohl beitragen. Dann könnten unsere großen Utopien sich auch in der Realität besser bewähren.

Hemetsberger: Sind Künstler die Referenzexistenzen in der Krisenzeit? Krise als Moment, wo ein System sich verändern kann? Bleibt nicht immer der Weg, Neues zu probieren?

Pittroff: Neues probieren müssen wir sowieso jeden Tag. Aber ob man da schon in Berührung mit der Utopie kommt, kann ich nicht beantworten.

Hemetsberger: Ist ein Leben für Menschen ohne Utopien, ohne Träume möglich?

Pittroff: Ohne Träume sicher nicht, ohne Utopien vielleicht.

Schick: Ich glaube an „kleine Utopien": Menschen tun sich zusammen, um eine konkrete Lebenssituation zu verbessern. Meine Vision ist eine Gesellschaft, die auf der Basis von „mehr zulassen" funktioniert. Sich weniger davon bedroht fühlt, dass andere Menschen andere Ansätze haben, anders denken und anders fühlen. 

Hemetsberger (in die Runde): Mich würden Ihre kleine Utopien interessieren.

Huemer: Die Menschen sind durch die digitale Revolution unglaublich überfordert. Alles ist so unüberschaubar geworden, dass viele Angst haben. Plötzlich spielt der Heimatbegriff wieder eine große Rolle, der Rückzug auf das Vertraute und damit verbunden eine unglaubliche Aggression gegen alles von Außen.

Schatz:  Nicht mehr aus der Angst heraus agieren, sondern aus Liebe handeln.

Pittroff: Utopien kommen nicht aus der Kunst, sondern vom künstlerischen Handeln: Gesellschaftliche Zusammenhänge werden in kleinen Versuchsanordnungen in Handlungsanweisungen umgeformt, die die Leute zwingen, sich weitergehende Gedanken zu machen.

Wiesinger: In der Architektur ist es vielleicht die Utopie, die durch den Einzug der Bionik entstehen könnte. Dass Gebäude mit den Menschen mitleben, zum Teil des Lebens werden. Es ist eine gefährliche, aber auch schöne Utopie, dass man die Welt noch länger bevölkern kann und dass sich eine angenehme Lebensweise für alle Menschen ergibt.

Huemer: Ich schließe mich euch an. Das alles, was jetzt gesagt worden ist, bis hin zu Liebe statt Angst, alles großartig.

 

Das gesamte Gespräch finden Sie auf www.kulturvernetzung.at.

 

 

Kurzbiographien:

 

Dr. Leo Hemetsberger ist Philosoph, Lebens- und Sozialberater sowie Mediator, Kursleiter am Institut für Kulturkonzepte, hält Seminare zu Marketingstrategien für Künstler und Kunstbetriebe und arbeitet als Coach und Trainer mit der NÖ Landesakademie zusammen. www.kulturkonzepte.at, www.philprax.at.

 

Dr. Peter Huemer ist Journalist und Historiker, geb. 1941 in Linz. 1969 bis 2002 Mitarbeiter des ORF: teleobjektiv, Club 2, Im Gespräch. Mehrere Auszeichnungen und Preise für die wissenschaftliche und für die journalistische Arbeit. Lektor an zwei Universitäten in Wien.

Dr.Renate Pittroff, freie Regisseurin in den Bereichen experimentelles Theater und akustische Kunst, konzipiert und inszeniert seit 1995 die Projekte des Theatervereins meyerhold unltd. Stellte zuletzt einige Kunstprojekte vor, die sich mit interaktiven Verfahren beschäftigen. www.samenschleuder.at, www.wechsel-strom.net

DI Gundula Schatz ist Biotechnologin, arbeitete am Aufbau von Tech Gate Vienna mit, war von 2001 bis 2005 stellvertretende Bezirksvorsteherin des ersten Wiener Gemeindebezirks und ist Gründerin und Leiterin des Waldzell Instituts, Initiatorin des „Architects of the Future"-Programms und Botschafterin des World Wisdom Councils.

Josef Schick ist Geschäftsführer der Kulturvernetzung Niederösterreich.

Peter Wiesinger, Gesellschafter der t-hoch-n ZIVILTECHNIKER GmbH, steht gemeinsam mit Gerhard Binder und Andreas Pichler für den effizienten Einsatz eines sich - bei jeder Aufgabe mit spezieller Anforderung, speziellem Ort und speziellen Auftraggebern - entwickelnden Wissens.

 Fotos

http://db.onlinearchiv.at/SCHOLZ

Fotocredit

www.zolles.com


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