Welchen Stellenwert haben Utopien für uns? kunstSTOFF hat Waldzell-Gründerin ![]()
Hemetsberger: In der Architektur des 20. Jahrhunderts sind
Ideen zur Gestaltung der Menschenwelt wichtig. Ein sehr utopischer Zugang?
Hemetsberger: Die Ressourcenknappheit hat uns die Grenzen unserer Möglichkeiten gezeigt. Gibt es in der Wirtschaft Utopien, die schon passieren?
Huemer: Bei
den großen Utopien ist Gewalttätigkeit vorherrschend. In extremster Form im
Nationalsozialismus und beim Stalinismus, aber auch der Zionismus hat
gewalttätige Züge, ebenso die 68er-Utopie. Das muss nicht zu ihrem Scheitern
führen, zeigt aber ihren menschenfeindlichen Aspekt.
Huemer: Aber wir wollen kontrollierte Gewalt. Ohne sie wäre die Gesellschaft anarchisch - also herrschaftsfrei - und hätte keinerlei Ordnung. Heute ist die kontrollierte Gewalt per Definition das Anti-Utopische.
Hemetsberger: Die Entwicklung der Baumaterialien im letzten Jahrhundert und neue Gestaltungsmöglichkeiten - das hat etwas Utopisches und bringt eine Sehnsucht der Menschen zum Ausdruck.
Huemer: Die Architektur ist voll integriert in die Utopie vom Überwachungsstaat. Heutige Bürobauten bestehen hauptsächlich aus Glas. Jeder sitzt in der Auslage, ausgehend von diesem Idiotensatz: „Ich habe nichts zu verbergen." Diese Transparenz heißt Überwachung - und das geht auf Kosten des Freiheitsdenkens.
Hemetsberger: Die Freiheit ist immer in Gefahr. Wo ist der Weg aus diesem Dilemma?
Huemer: In der staatsbürgerlichen Gegenwehr. Die Frage ist, was das Internet dabei zu leisten vermag. Eine Utopie der Freiheit bedeutet die Möglichkeit, dem drohenden Überwachungsstaat zu entkommen. Ich setze auf den technologischen Fortschritt, der die Überwachung möglich macht, der aber auch dieses anarchische Element forciert.
Hemetsberger: Waldzell hat als Mythos Hesses „Glasperlenspiel". Wie geht der Weg weiter?
Schatz: Ich meine, dass Utopien, wenn sie uns weiterhelfen sollen, Geist und Materie verbinden müssen. Utopien in der Wirtschaft betreffen die materielle Welt und da haben wir, wie meine Vorredner zeigten, die Erfahrung gemacht, dass sie sich in der Realität nur allzu oft gegen uns gewendet haben. Bei Waldzell wollen wir Freiräume für einen zweckfreien interdisziplinären Dialog schaffen, um so Ideen zu kreieren, die zum Gesamtwohl beitragen. Dann könnten unsere großen Utopien sich auch in der Realität besser bewähren.
Hemetsberger: Sind Künstler die Referenzexistenzen in der
Krisenzeit? Krise als Moment, wo ein System sich verändern kann? Bleibt nicht
immer der Weg, Neues zu probieren?
Pittroff: Neues probieren müssen wir sowieso jeden Tag. Aber ob man da schon in Berührung mit der Utopie kommt, kann ich nicht beantworten.
Hemetsberger: Ist ein Leben für Menschen ohne Utopien, ohne Träume möglich?
Pittroff: Ohne Träume sicher nicht, ohne Utopien vielleicht.
Schick: Ich glaube an „kleine Utopien": Menschen tun sich zusammen, um eine konkrete Lebenssituation zu verbessern. Meine Vision ist eine Gesellschaft, die auf der Basis von „mehr zulassen" funktioniert. Sich weniger davon bedroht fühlt, dass andere Menschen andere Ansätze haben, anders denken und anders fühlen.
Hemetsberger (in die Runde): Mich würden Ihre kleine Utopien interessieren.
Huemer: Die Menschen sind durch die digitale Revolution unglaublich überfordert. Alles ist so unüberschaubar geworden, dass viele Angst haben. Plötzlich spielt der Heimatbegriff wieder eine große Rolle, der Rückzug auf das Vertraute und damit verbunden eine unglaubliche Aggression gegen alles von Außen.
Schatz: Nicht mehr aus der Angst heraus agieren, sondern aus Liebe handeln.
Pittroff: Utopien kommen nicht aus der Kunst, sondern
vom künstlerischen Handeln: Gesellschaftliche Zusammenhänge werden in kleinen
Versuchsanordnungen in Handlungsanweisungen umgeformt, die die Leute zwingen,
sich weitergehende Gedanken zu machen.
Wiesinger: In der Architektur ist es vielleicht die Utopie, die durch den Einzug der Bionik entstehen könnte. Dass Gebäude mit den Menschen mitleben, zum Teil des Lebens werden. Es ist eine gefährliche, aber auch schöne Utopie, dass man die Welt noch länger bevölkern kann und dass sich eine angenehme Lebensweise für alle Menschen ergibt.
Huemer: Ich schließe mich euch an. Das alles, was jetzt gesagt worden ist, bis hin zu Liebe statt Angst, alles großartig.
Das
gesamte Gespräch finden Sie auf www.kulturvernetzung.at.
Kurzbiographien:
Dr.
Leo Hemetsberger ist
Philosoph, Lebens- und Sozialberater sowie Mediator, Kursleiter am Institut für
Kulturkonzepte, hält Seminare zu Marketingstrategien für Künstler und
Kunstbetriebe und arbeitet als Coach und Trainer mit der NÖ Landesakademie
zusammen. www.kulturkonzepte.at, www.philprax.at.
Dr. Peter Huemer ist
Journalist und Historiker, geb. 1941 in Linz. 1969 bis 2002 Mitarbeiter des
ORF: teleobjektiv, Club 2, Im Gespräch. Mehrere Auszeichnungen und Preise für
die wissenschaftliche und für die journalistische Arbeit. Lektor an zwei
Universitäten in Wien.
http://db.onlinearchiv.at/SCHOLZ
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